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Erinnerungen an das Dieburger Dreiecksrennen (1948 – 55)

 

Der neugegründete Darmstädter Motorsportclub (MCD) unter Leitung von Gustav A. Petermann erhielt 1948 die Genehmigung vom Deutschen Motorsportverband (DMV), ein Motorradrennen zu veranstalten. Aber es gab noch keine Rennstrecke! Darmstadt war im Krieg zu über 70% zerstört worden und es war unmöglich, trotz aller Bemühungen und der Unterstützung des damaligen Bürgermeisters, eine Rennstrecke zu finden.

Auf der Rückreise Petermanns von einer Geschäftsfahrt in den Odenwald erweckte die lange Waldgerade (ca. 1 km) der B 26 bei Dieburg sein Interesse. Er fuhr sie rauf und runter, bog dann in die Aschaffenburger Straße nach Dieburg ein und die Groß Umstädter Straße wieder hoch zur B 26. Nach drei Umrundungen stand für ihn und seinen Freund Alfons Keller fest: Dies ist es, was wir suchen!

Der nächste Schritt - und zugleich der wichtigste - war der Besuch des Dieburger Bürgermeisters Ludwig Steinmetz. Man unterbreitete ihm, in Dieburg eine Rennstrecke für Motorradrennen gefunden zu haben. Der Bürgermeister war sehr interessiert, hatte er doch den wirtschaftlichen Aspekt und den Imagevorteil durch eine sportliche Großveranstaltung für die 7500 Einwohner zählende Kreisstadt erkannt. Er versprach den schriftlich genau detaillierten Vorschlag dem Gemeinderat zu unterbreiten. Am 22. Juli 1948 sprach sich die Mehrheit für den Vorschlag aus. Allerdings sollten die Kosten für die Stadt 4000 DM nicht übersteigen.

Nun konnte der MCD mit der Planung beginnen. Wochenlange Vorbereitungen im Darmstädter Rennbüro wechselten sich ab mit Gesprächen mit dem Bürgermeister und dem Gemeinderat.

Die Bevölkerung Dieburgs wurde davon unterrichtet, dass alle bekannten Rennfahrer nach Dieburg kämen und spannende Wettkämpfe zu erwarten seien. Tausende Zuschauer seien zu erwarten. In seiner väterlichen Art machte Bürgermeister Steinmetz die Bevölkerung darauf aufmerksam, dass „diese Veranstaltung für unsere Stadt und die hiesige Geschäftswelt von besonderer Bedeutung“ sein würde. Außerdem ermahnte er die Bürger „Straßen und Gassen mit besonderer Sorgfalt zu reinigen“ und dass es notwendig sei, etwa 400 Quartiere für zwei Tage zu organisieren. Er ermahnte sie, „freundlich zu den Gästen und Fremden zu sein“ und an die Geschäftswelt appellierte er, „nicht an einem Tag reich werden zu wollen, denn nächstes Jahr wollt Ihr wieder verkaufen“. 

Am 24. September 1948 um 10:00 Uhr begann das erste freie Training. Ein unverkennbarer Geruch von  Rhizinus, Äther und Benzol hing über der Stadt, deren Bewohner im Rennfieber waren. 114 Solo- und 39 Seitenwagenmaschinen hatten gemeldet. Viele Schaulustige und Autogrammjäger umlagerten das Fahrerlager und das Start- und Zielhaus im Forst. Bekannte Fahrer wie „Schorsch“ Meier, Wilhelm Herz, Heiner Fleischmann, Hermann Böhm, Wiggerl Kraus, H.P. Müller usw. waren gemeldet.

Schorsch Meier 1948-kleinAm Sonntag waren ca. 25.000 Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung angereist. Viele nutzten den Sonderzug aus Darmstadt, andere kamen mit allen damals zur Verfügung stehenden Vehikeln oder scheuten auch keine weiten Fußwege. Die berühmte Fliegerin Elly Beinhorn gab ihr Debüt als Sprecherin des HR, dessen Intendant Eberhard Beckmann zu den Ehrengästen zählte. Pünktlich um 10:00 Uhr startete Rennleiter Petermann die 125er Klasse auf der 3,2 km lange Strecke. Der Höhepunkt an diesem Tag sollte die Klasse der 500er Lizenzfahrer werden. Schorsch Meier (BMW Kompressor) siegte nicht nur mit einem Schnitt von 127,5 km/h, sondern fuhr auch mit 132 km/h die schnellste Runde. Die Premiere wurde ein voller Erfolg.Formel 3 1949-klein

Beim zweiten Rennen am 17. Juli 1949 starteten auch sechs Kleinstrennwagen bis 750 ccm. Dies sollten nicht das letzte Mal sein, dass Wagen ein Rennen bestritten. 1952 starteten 14 Porsche in der Klasse für Sportwagen bis 1100 ccm  auf der nun auf 5 km verlängerten Strecke.

1950 gab es versuchsweise zwei Renntage. Samstags ab 14:00 Uhr gingen die Ausweisfahrer und die 125er Lizenzklasse an den Start. Der Sonntag blieb den übrigen Lizenzfahrern überlassen. Der „Motorsport Informationsdienst“ beschrieb das Geschehen als „eine der bestorganisiertesten Veranstaltungen der Nachkriegszeit“.

Das 4. Dieburger Dreiecksrennen wurde auf den 15. April 1951 vorverlegt und eröffnete somit die Motorsportsaison. Das brachte ein noch größeres Interesse mit sich, da jeder wissen wollte, was sich über den Winter technisch getan hatte. Die Zeit der Kompressoren und Ladepumpen war vorüber. Das führte zum  Debüt mehrerer Werksneuheiten. Dazu wurde der Lauf der 250er Lizenzklasse als erster Lauf zur Deutschen Meisterschaft gewertet. Schon die 125er Klasse brachte eine Überraschung. Otto Daiker siegte mit dem neuen NSU Lambrettaroller in der 125er Klasse.

Da die Strecke 1952 von 3,3 auf 5km verlängert wurde, war der Rundkurs wesentlich vielseitiger. Trotz schlechten Wetters kamen etwa 60.000 Zuschauer, darunter auch die gesamte Fachprominenz aus Verbands- und Industriekreisen.

H.P. Müller(Schnell-Horex) 1952 auf Siegesfahrt-kleinBeim sechsten Dieburger Dreiecksrennen, 1953, war die von Roland Schnell mit Werksunterstützung gebaute 350er Einzylinder Horex die ganz große Überraschung, denn es standen gleich zwei Maschinen in der ersten Startreihe. Mit dieser Maschine war H.P. Müller der überragende Fahrer des Tages. Er siegte souverän mit 121,4 km/h und fuhr mit 124,9 km/h Tagesbestzeit. Fritz Kläger brachte die zweite Horex auf den zweiten Platz.

Trotz bester Kritiken von allen Seiten ging das Gerücht um, dass dies die letzte Veranstaltung sein sollte. Die Rennleitung ließ sich nicht entmutigen und es folgten 1954 und 1955 noch zwei weitere Veranstaltungen.

Noll - Cron 1955-kleinDie letzte Veranstaltung war sogar international ausgeschrieben worden. 118 Fahrer aus zehn Nationen hatten 1955 gemeldet, z.B. Ronald Siriwardena (Ceylon) oder Kan Kavanagh (Australien). Den 40.000 Zuschauern wurden packende Kämpfe geboten, die oft erst auf den letzten Metern entschieden wurden. NSU, DKW und Moto Guzzi hatten ihre Werksrennställe geschickt. Doch dunkle Wolken zogen über dem Dieburger Forst auf. Der Hessische Innenminister Heinrich Schneider eröffnete Rennleiter Petermann, dass er kaum eine Möglichkeit sähe, das Rennen 1956 noch einmal zu genehmigen. Grund war, dass es bei dem zunehmenden Straßenverkehr kaum mehr möglich sei, die beiden Hauptverkehrsadern B26 und B45 zu sperren. Und so war es dann auch. Beim Rennen der 500er Solomaschinen wurde zum letzten Mal die Zielflagge geschwenkt.
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Dieses letzte Rennen war  Anlass  am  17. September 2005  nach  50  Jahren  ein Revival  unter dem  Motto „Die Legende bebt“ zu veranstalten. Der legendäre Rennleiter Gustav A. Petermann schrieb dazu in seinen Erinnerungen: „Die Begeisterung der Zuschauer (ca. 10.000) kann als Dank an die Organisatoren gewertet werden, um ihnen Mut zu machen, diese Idee erneut aufzugreifen.“

Und so ist es auch! Wir haben den Mut und werden am 22. August 2009 erneut ein noch größeres Revival veranstalten und sind uns sicher, dass noch mehr Zuschauer kommen werden.

Uwe Schott

(Fotos: Archiv Schott, Vergrößerung durch anklicken)

 

Was bleibt ist die Erinnerung

Bericht eines Zeitzeugen, dem Sohn von Wilhelm Herz
(Aus dem Buch von Gustav A. Petermann „Das Dieburger Dreiecksrennen, ein Kabinettstück des deutschen Motorsports“)
 

Vor mir liegt ein Stadtplan. Altvertraute Namen kommen in Erinnerung: Konvikt, wo ich sieben Jahre im Internat wohnte; Goethe-Schule, wo ich das Abitur ablegte; Gnadenkapelle, wo wir jährlich an der traditionellen Wallfahrt teilnahmen.

Aber es sind nicht diese Namen, die mich im Augenblick bewegen. Vielmehr geht die Erinnerung zurück an die Aschaffenburger- und Groß-Umstädter Straße, die, verbunden durch das entsprechende Teilstück der B26, einmal jenes Dreieck bildeten, von dem ab 1948 nicht nur das Hessenland sprach: Das Dieburger Dreieck.

Als ich 1948 zum ersten Mal nach Dieburg fuhr, ahnte ich nicht, welche Rolle die Kreisstadt in meinem späteren Leben spielen würde. Auch wusste ich nichts von dem Gemeinderatsbeschluss 22. Juli 1948, in dem es hieß: „Der Gemeinderat ist mit der Abhaltung des Motorradrennens einverstanden unter der Bedingung, dass sich die Kosten auf nicht mehr als 4000,- DM belaufen“. Mich interessierten nur Rennmotorräder und die Frage: Würde die Kompressor-NSU meines Vaters am 26. September 1948, beim ersten Dieburger Dreiecksrennen, genau so gut laufen, wie sie es die ganze Saison über getan hatte?

Sie tat es. Nach 12 Runden oder 39,6 km sicherte sie ihm einen überlegenen Sieg. Meine Mutter und ich schafften es nicht mehr, von der Tribüne 2 noch rechtzeitig zu Start und Ziel zu kommen, um ihn zu beglückwünschen.

Im Jahr darauf waren wir wieder in Dieburg. Wieder lag die Kompressor-NSU beim Rennen der 350er in Führung. Diesmal hielt sie nicht durch. Kurz hinter der Ostkurve, in Anfahrt zur Altstadt, streikte der Kompressor. Hein Thorn Prikker auf einer Velocette, die er mit viel Glück über die Kriegswirren gerettet hatte, streifte sich den Siegerkranz über. In meiner kindlichen Naivität konnte ich es nicht fassen. Gewiss, die NSU hatte Maschinenschaden, aber gegönnt habe ich dem langen Hein den Sieg trotzdem nicht. Später lächelten wir darüber, wenn wir uns in Overath, dem Alterssitz von Hein, oder in Hockenheim über die alten Zeiten unterhielten und der Oldtimer mit Begeisterung noch über die Rennen berichtete, die für ihn einmal die Welt bedeutet haben.

1950 eine weitere Steigerung: 75000 Besucher kamen, die Rennen erstreckten sich über zwei Tage, die Streckenrekorden purzelten am laufenden Band. Lediglich der absolute Rekord von „Schorsch“ Meier aus dem Jahre 1948 blieb unangetastet. Die Familie Herz fehlte allerdings. Vater Herz laborierte an den Sturzverletzungen, die er Ende 1949 in Köln erlitten hatte. Für ihn hatte Heiner Fleischmann die 350er NSU übernommen. Auf dem Weg zum Meisterschaftslauf in Schleiz nahm er noch den Sieg in Dieburg mit, und seine Stallgefährten und Publikumslieblinge Böhm/Fuchs wollten da natürlich nicht nachstehen.

1951 hatte sich das Maschinenmaterial völlig verändert. Die Bundesrepublik war in den internationalen Weltverband (FIM) aufgenommen worden. Folglich galten die internationalen Bestimmungen auch für die deutsche Industrie. Das bedeutete das Aus für die Kompressor- und Ladepumpenmaschinen. Die „Sauger“ hatten nun das Sagen. Zum ersten Mal konnte man das neue Maschinenmaterial in Dieburg sehen. Am meisten beeindruckten mich die knallroten Renner aus Italien. Innocenti hatte zur Belebung des Motorrollerverkaufs die Rennlambretta ausgeliehen, und Otto Daiker gewann damit die 125er Klasse. Das Gefühl, neben dem Sieger gestanden zu haben, blieb unvergesslich. Genauso wie der „Sound“, den die Moto Parilla von Gablenz bzw. die Moto Guzzi „Gambalunghino“ von Thorn Prikker bei uns allen hinterlassen hatte.

952 donnerten die Motorräder über eine neue Streckenführung. Der Rennkurs ging nun über die Kreuzung Aschaffenburger Straße hinaus, durch einen Teil der Altstadt, bog am Gefängnis in die Ketteler Straße ein und führte über die B26 und eine nicht einfach zu fahrende Spitzkehre zu Start und Ziel zurück. Genau dort sah ich damals die schwergewichtigen Böhm/Fuchs auf einem zierlichen Norton-Gespann. „Ob das wohl gut geht?“ fragte ich mich. Natürlich, denn die beiden Nürnberger wurden vielumjubelte Sieger.

Doch als 1955 Hans Baltisberger mit der vollverkleideten NSU-Sportmax seinen Markengefährten H.P. Müller in der Spitzkehre noch abfing und Ernst Riedelbauch wie auch die Weltmeister Noll/Cron siegten, hatten sich schon dunkle Wolken über dem Dieburger Dreieck zusammengebraut. Die Zuschauerzahlen stimmten zwar noch, aber die Entwicklung lief bereits gegen Dieburg: Sicherheitsbedenken wurden  von offizieller Seite immer deutlicher erhoben, das Interesse der deutschen Motorradindustrie erlahmte, Privatfahrer beherrschten immer mehr die Veranstaltung, und auch die Einnahmen gingen zurück.

Am 24. April 1955 kam es zu einem letzten Kraftakt. Das Dieburger Dreiecksrennen war international geworden: Engländer, Australier, Italiener, Schweizer, Belgier, Schweden hatten ihre Nennung abgegeben. Welche Gelegenheit für uns Fans, Autogramme zu sammeln! Obwohl die Unterschriften von Kavanagh, Wünsche, Hobl, Zeller, Baltisberger und Müller hoch im Kurs standen, gab es dennoch für uns einen unbestrittenen Star: Ronald Siriwardena aus dem damals märchenhaften Ceylon, der mit einer betagten und zudem total vergammelte Norton dem 500er Feld hinterherfuhr. Diese Exotik hatten die deutschen Stars nicht aufzubieten. Hinzu kam unser Solidaritätsgefühl mit dem sportlich Unterlegenen.

35.000 Zuschauer waren von dem Rennen begeistert, zumal die alten Klassenrekorde purzelten. Niemand ahnte, dass der Klassenrekord von 131,9 km/h (Zeller/BMW) bei den 500ern für immer bestehen würde, denn das 9. Dieburger Dreiecksrennen wurde abgesagt.

Der Starkenburger Automobil- und Motorsportclub schrieb 1956 an die Stadt Dieburg, die zur Hälfte an Gewinn und Verlust beteiligt war, „Dieser Beschluss ist uns verständlicherweise sehr schwer gefallen denn erstens hatte sich das Rennen seit 1948 sehr gut eingeführt, und zweitens haben wir diese Veranstaltung mit viel Liebe zur Sache und persönlicher Aufopferung zu dem gemacht, was es war. Es hat keinen Zweck, sich über diese Tatsache hinwegzutäuschen, dass der Straßenrennsport immer mehr im Rückzug begriffen ist. Nicht zuletzt hervorgerufen durch die schweren Unfälle seinerzeit am Grenzlandring und im letzten Jahr in Le Mans... Außerdem spielt das finanzielle Moment eine nicht unerhebliche Rolle.“

Damit war das „Kabinettstück des deutschen Motorsports“ Geschichte geworden. Unsere Enttäuschung war groß. Vorbei war die Zeit, wo wir als Schuljungen den April  herbeisehnten. Der Rennzirkus fehlte uns. Und mehr als einmal versuchten wir, die Vergangenheit zu beschwören mit der Frage: „Weißt du noch?“

Anmerkung:
Der eigentliche Grund, dass die Rennen in Zukunft nicht mehr stattfinden konnten, war, dass der damalige Hessische Innenminister Heinrich Schneider es trotz aller positiven Aspekte nicht mehr verantworten konnte, bei dem immer mehr zunehmenden Straßenverkehr die B 26 und die B 45 als Hauptverkehrsadern zu sperren und den Verkehr über die umliegenden Ortschaften umleiten zu lassen.

Dieter Herz

 

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